Sieben konkrete Sofortmaßnahmen für mehr Klimaschutz und Klimaanpassung
Geigerin und Klimabotschafterin Lea Brückner ist die Initiatorin eines offenen Briefes an die Bundesregierung, in dem sieben konkrete Sofortmaßnahmen für mehr Klimaschutz und Klimaanpassung gefordert werden.
Zu den Erstunterzeichnenden mehr als 60 namhaften Persönlichkeiten und Institutionen der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft gehören u.a. die Bestsellerautorin Cornelia Funke, der Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke, der Hamburger Jazzpianist Joja Wendt, der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Albrecht Schuch, das Orchester des Wandels e.V., die Dirigenten Vladimir Jurowski und Thomas Guggeis, die Bratschistin Tabea Zimmermann, die Cellistin Tanja Tetzlaff und viele mehr.
Hier der offene Brief im Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
sehr geehrter Herr Vizekanzler Klingbeil,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
wir wenden uns als Menschen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft aus Deutschland mit folgendem Anliegen an Sie:
Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts sind allein durch die extrem heiße Woche vom 22. bis 28. Juni 2026 rund 9.600 Menschen in Deutschland hitzebedingt gestorben.* Gleichzeitig kostet ein einziger Hitzetag mit Temperaturen über 30 Grad die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro. Für die zweiwöchige Hitzeperiode im Juni wurden die wirtschaftlichen Schäden auf mindestens 6,3 Milliarden Euro geschätzt.** Hitzetage oberhalb von 35°C führen zu Kosten von bis zu einer Mrd. Euro.
Mit den verheerenden Bränden in Südeuropa, Trinkwasserknappheit und den zunehmenden Extremwetterereignissen sehen wir wieder einmal: Die Welt steht bereits wortwörtlich in Flammen. Und trotzdem wird gezögert. Jeder weitere Hitzesommer kostet Menschenleben, häufigere und intensivere Wetterextreme verursachen Schäden in Milliardenhöhe und stellen unsere gesellschaftliche Stabilität, auch unsere Demokratie, vor enorme Herausforderungen.
Klimaschutz ist längst keine Frage mehr von Parteipolitik oder persönlicher Meinung. Es ist eine Frage politischer Verantwortung – und der Frage, wie viele Menschenleben und welche Zukunft wir bereit sind zu schützen. Der Climate Action Tracker bewertet Deutschlands derzeitige Klimapolitik als „Insufficient“.
Vor dem Hintergrund braucht es heute dringend mehr Klimaanpassung. Diese bekämpft aber die Ursachen nicht, sondern lindert nur die Folgen der Veränderungen. Deswegen muss Klimaanpassung Hand in Hand gehen mit mehr Klimaschutz: regional, national, europäisch und global.
Als Kunst- und Kulturschaffende wissen wir um die besondere Verantwortung, die wir gegenüber kommenden Generationen tragen. Kultur schafft Räume, in denen eine Gesellschaft sich selbst erkennt, über ihre Zukunft nachdenkt und sich verändert. Deshalb fordern wir von der Bundesregierung entschlossenes und unverzügliches Handeln:
1. Klimaziele nicht nur beschließen, sondern einhalten
Deutschland muss seine gesetzlich festgelegte Minderung der Treibhausgasemissionen um mindestens 65 % bis 2030 gegenüber 1990 und die Klimaneutralität bis 2045 verbindlich einhalten.
Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass bei absehbarer Zielverfehlung unverzüglich zusätzliche Maßnahmen beschlossen werden, statt Klimaziele nachträglich politisch abzuschwächen.
Die jetzt beschlossenen Maßnahmen zur Änderung der Förderstrukturen für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG-Novelle) und das Gebäudemodernisierungsgesetz führen zu zusätzlichen und nicht zu weniger Emissionen. ***
2. Städte begrünen und Flächen entsiegeln
Wir fordern ein ambitioniertes und verbindliches Klimaanpassungsprogramm für Städte und Gemeinden: mehr Bäume und Grünflächen, begrünte Dächer und Fassaden, Frischluftschneisen, Schattenplätze und eine konsequente Entsiegelung von Böden. Langfristig muss Netto-Null beim Flächenverbrauch erreicht werden. Klimaanpassung darf dabei nicht gegen Klimaschutz ausgespielt werden: Wir brauchen sowohl Maßnahmen gegen die weitere Erwärmung als auch Städte, die ihre Bevölkerung besser vor Hitze, Starkregen und Überschwemmungen schützen.
3. Erneuerbare Energien massiv und naturverträglich ausbauen
Bis 2030 sollen mindestens 80 % des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Dafür müssen Genehmigungen beschleunigt, ausreichend Flächen für Windenergie bereitgestellt und Solarenergie insbesondere auf Dächern, Parkplätzen, bereits versiegelten Flächen und geeigneten Infrastrukturflächen ausgebaut werden. Gleichzeitig müssen Stromnetze und Speicher mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt halten.
4. Die Verkehrswende deutlich beschleunigen
Wir fordern massive und langfristige Investitionen in Schiene und öffentlichen Nahverkehr, sichere Rad- und Fußwege sowie eine konsequente Elektrifizierung des Verkehrs. Klimafreundliche Mobilität muss bezahlbarer, zuverlässiger und attraktiver werden als die Nutzung fossiler Verkehrsmittel. Dazu gehört auch ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Die Einführung eines durchgehenden Tempolimits ist nicht nur eine einfache, schnelle und kostengünstige Maßnahme, sondern auch eine, die von der Mehrheit der Bevölkerung seit Jahren unterstützt wird.
5. Klimaschädliche Subventionen beenden
Der Staat darf nicht gleichzeitig Klimaschutz versprechen und weiterhin fossile Energien und klimaschädliche Strukturen finanziell begünstigen. Wir fordern den Abbau klimaschädlicher Subventionen und die Umlenkung der frei werdenden Mittel in erneuerbare Energien, öffentlichen Verkehr, Gebäudesanierung, Klimaanpassung und sozialen Klimaschutz.
6. CO₂ einen wirksamen Preis geben – und ihn sozial gerecht gestalten
Wir fordern eine wirksame CO₂-Bepreisung mit sozialem Ausgleich. Wer besonders viel CO₂ verursacht, muss entsprechend stärker zur Finanzierung der Klimafolgen beitragen. Die Einnahmen müssen zu einem erheblichen Teil pro Kopf an die Bevölkerung zurückgegeben und zugleich gezielt in klimafreundliche Infrastruktur investiert werden. So kann Klimaschutz sozial gerecht gestaltet werden: Wer wenig verbraucht und wenig besitzt, darf nicht überproportional belastet werden.
7. Natur als Klimaschutz schützen
Wir fordern den konsequenten Schutz und die Wiederherstellung von Mooren, Wäldern, Böden und anderen natürlichen CO₂-Senken. Entwässerung, Abholzung und weitere Flächenversiegelung müssen zurückgedrängt werden. Gleichzeitig müssen geschädigte Ökosysteme wiederhergestellt werden. Klimaschutz, Klimaanpassung und Naturschutz müssen zusammen gedacht werden.
Wir sind überzeugt: Deutschland hat die finanziellen, technologischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten, diesen Wandel zu gestalten. Was fehlt, ist nicht das Wissen darüber, was zu tun ist – sondern die politische Konsequenz, es schnell genug zu tun.
Ambitionierter Klimaschutz zahlt sich aus, denn die Kosten des Nicht-Handelns sind deutlich größer (hohe Kosten für Anpassungsmaßnahmen und Schadensregulierung/-behebung). Klimaschutz durch den Ausbau erneuerbarer Energien, die konsequente Umsetzung der Energieeinsparmöglichkeiten und der Übergang in eine Kreislaufwirtschaft führen zu deutlich mehr Versorgungssicherheit, einer geringeren Verletzlichkeit gegenüber fragilen Importstrukturen und einer geringeren Abhängigkeit gegenüber volatilen Energie- und Rohstoffpreisen.
Wir fordern deshalb: Handeln Sie jetzt! Nicht erst nach der nächsten Hitzewelle, dem nächsten Waldbrand oder der nächsten Flut.
Die Klimakrise wartet nicht auf die nächste Legislaturperiode.
Mit freundlichen Grüßen,
Die Unterzeichnenden:
Erstunterzeichner:
Lea Brückner, Violinistin und Klimabotschafterin
Cornelia Funke, Schriftstellerin
Sebastian 23, Autor
Hannes Jaennicke, Schauspieler
Wanja Mues, Schauspieler
Albrecht Schuch, Schauspieler
Natalia Belitski, Schauspielerin
Janna Striebeck, Schauspielerin
Pheline Roggan, Schauspielerin
Vladimir Jurowski, Dirigent
Thomas Guggeis, Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt
Joseph Bastian, Dirigent
Nabil Shehata, Dirigent/Kontrabassist
Christoph Altstaedt, Dirigent
Clemens Schuldt, Dirigent
Simon Edelmann, Dirigent
Benedikt Haag, Chordirigent
Prof. Dr. Hartmut Haenchen, Dirigent
Ralf Sochaczewsky, Dirigent
Gregor A. Mayrhofer, Dirigent, Komponist, künstlerischer Leiter Hidalgo Festival
Landesjugendorchester Bremen
Verein zur Förderung von Landesjugendensembles NRW e.V.
Orchester des Wandels e.V.
Tomas Kreibich-Nawka, Intendant
Sönke Lentz, Orchesterdirektor Bundesjugendorchester
Tabea Zimmermann, Bratschistin
Tanja Tetzlaff, Cellistin
Maximilian Hornung, Cellist
Vivi Vassileva, Multiperkussionistin
Armida Quartett
Joja Wendt, Pianist
Johanne Staemmler, Violinistin
Tanja Becker-Bender, Violinistin
Niklas Liepe, Violinist
Prof. Henning Wiegräbe, Posaunist
Prof. Matthias Höfs, German Brass
Prof. Rainer Kotzian, Präsident der Hochschule für Musik Nürnberg / Vorsitzender des Verbunds
Kunsthochschule Bayern
Reinhold Friedrich, Prof. a.d. Musikhochschule Karlsruhe & der Barenboim Said Academy Berlin
Hanno Müller-Brachmann, Prof. für Gesang & Hochschulrat Karlsruhe
Steffen Tast, Musiker und Dirigent
Almut Voigt, Helke Scheibe, Julia Flögel,
Sofia Ogas, Carsten Neppl, Jens Gagelmann,
Hartmut Schill und Lucas Freund- Mitglieder der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz
Noemi Makkos, Vorstand Staatskapelle Berlin
Markus Bruggaier, Mitglied Staatskapelle Berlin, Gründer Orchester des Wandels e.V.
Jan Bauer, Cellist, Gründungsvorstand Orchester des Wandels e.V.
Ingrid Hausl, Konzertpädagogin
Valerie Eickhoff, Opernsängerin
Lydia Teuscher, Sopranistin
Antigone Papoulkas, Mezzosopranistin
Okka von der Damerau, Mezzosopranistin
Stephan Rügamer, Opernsänger, Ensemble der Staatsoper Berlin
Dr. Ralf Weiß, Netzwerk Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur
Jacob Bilabel und die Green Culture Anlaufstelle
Kerstin Schilly und Sabine Posselt, Veranstalterinnen Green Actors Lounge
Luise Berndt, Schauspielerin
Jona Mues, Schauspieler
Antonia Moretti, Schauspielerin
David Schneider, Schauspieler
Ingeborg Schöner, Schauspielerin
Florian Hoffmann, Regie
Woody Mues, Regisseur
Nicola Bramkamp, Save the world
Juliette Marischka, Journalistin
Philipp Krechlak
Monika Menezes-Kuth
* https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html
** https://www.prognos.com/de/kosten-hitzewelle-juni-2026
***https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/9253/
