Sam Goldscheider

Ich versuche immer mich vom Positiven inspirieren zu lassen und nicht von der Zerstörung."

Steckbrief

Aktueller Beruf / Position:
Orchestermanager, Verbier Festival
Kurzbiografie:
Sam Goldscheider ist seit über einem Jahrzehnt im klassischen Musikmanagement tätig, seit 2016 als Orchestermanager beim Verbier Festival. 2019 startete er dort das Green Project, um daran zu arbeiten, die negativen Auswirkungen des Festivals auf den Planeten zu reduzieren und seine Teilnehmer zu umweltfreundlicheren Entscheidungen zu inspirieren. Neben seiner Arbeit im Rahmen des Verbier Festivals hat er 2020 ein branchenweites Projekt, Harmonic Progression, ins Leben gerufen, um die Welt der klassischen Musik zu mehr Fürsorge für das Miteinander und für den Planeten zu inspirieren. Harmonic Progression inspiriert zu einfachen und sinnvollen Ideen, zeigt Menschen, was sie tun können, um zu helfen, und organisiert Kampagnen, damit in unserer Branche mehr positive Maßnahmen ergriffen werden. Harmonic Progression wird ehrenamtlich betrieben und jeder kann mitmachen – je mehr desto besser!

Interview

1. Hat Nachhaltigkeit in Deinem Leben schon immer eine Rolle gespielt oder gab es den berühmten Change?

Ich würde sagen, mein Interesse für das Thema Nachhaltigkeit ist nach und nach in mir gewachsen, insbesondere in den letzten drei bis vier Jahren.

 

2. Wie war Deine erste Begegnung mit Orchester des Wandels?

Das hat sich durch meinen Neffen Ben Goldscheider ergeben, der damals an der Barenboim Said Akademie studierte. Er ist Hornist und als ich ihn vor einiger Zeit fragte, ob er jemanden in Berlin kenne, der sich mit dem Thema Klimaschutz im Orchester beschäftigt, vermittelte er mir den Kontakt zu Markus Bruggaier, Hornist an der Staatskapelle Berlin und Gründer von Orchester des Wandels. Wir haben dann miteinander gesprochen und so kam eines zum anderen.

 

3. Wie kam es dazu, dass du die Initiative Harmonic Progression gegründet hast?

Die Idee zu Harmonic Progression kam mir im Jahr 2020, als sehr viele Konzerte und Festivals abgesagt wurden und ich ziemlich viel Zeit hatte. Da stellte ich fest, dass das Thema Klimaschutz in meinem direkten Umfeld noch nicht wirklich angekommen war und vielen Menschen in der klassischen Musik gar nicht bewusst ist, dass auch sie etwas tun können – sowohl Musiker:innen, als auch Manager:innen, Dozent:innen, Student:innen oder eben auch das Publikum. Ich fragte mich, wie man Menschen dazu bringen kann, Ideen zu entwickeln, über Nachhaltigkeit nachzudenken und sich dafür verantwortlich zu fühlen. Ich wollte inspirieren. Mein Ziel war es, eine Plattform zu erschaffen, auf der die Diskussion vorangetrieben wird, indem man gute Beispiele zeigt und andere zu Ideen anstiftet. Bei Harmonic Progression kann zum Beispiel ein Streichquartett, das für sich entschieden hat nachhaltig zu handeln, auf der Plattform mit anderen Streichquartetten zum Thema Klimaschutz in Kontakt und Austausch treten. Mir geht es dabei weniger darum, die negativen Folgen des Klimawandels zu thematisieren. Ich möchte andere inspirieren und die guten Dinge feiern, die es schon gibt.

 

4. Welche Aktivitäten plant ihr plant ihr bei Harmonic Progression in der nächsten Zeit?

Zurzeit haben wir ein Projekt namens „Strings for All“, das wir im Frühjahr 2021 das erste Mal durchgeführt haben und zurzeit wieder starten. Die Idee ist, gebrauchte Saiten in ganz Europa zu sammeln – bereits im Januar/Februar haben wir beim ersten Durchlauf tatsächlich ca. 5000 Saiten zusammenbekommen. Wir verteilten sie in Kolumbien und Venezuela, in südamerikanischen Ländern. Es gibt viele Musiker:innen in ärmeren Ländern, die ihre Streichinstrumente einfach nicht besaiten können. Sie verwenden Saiten von anderen Instrumenten oder spielen auf nur drei Saiten. Und an diesem Punkt ergibt dies für mich keinen Sinn. Denn auf der einen Seite der Welt muss man darum kämpfen, Saiten zu bekommen und auf der anderen Seite der Welt liegen die Saiten monatelang im Schrank herum – warum dieses Ungleichgewicht nicht nutzen und ausgleichen? Und das Schöne an diesem Projekt ist, dass ich versuche, es so inklusiv wie möglich zu gestalten und so viele Menschen wie möglich einzubeziehen. Zurzeit haben wir 15 Koordinator:innen in ganz Europa und jetzt auch einen Koordinator in Australien. Sie verbreiten die Ideen und helfen uns, an die Saiten zu kommen. Manchmal reicht es da aus, eine Kiste hinter der Konzertbühne aufzustellen, wo die Saiten abgelegt werden können. Nach dem Sammeln werden sie uns zugesandt. Bei Harmonic Progression geht es auch um soziale und ökonomische Nachhaltigkeit, es geht um gegenseitige Fürsorge und darum, faire Strukturen zu schaffen, die gut für alle sind.

 

5. Wo siehst du das größte Potential für Klimaschutz-Maßnahmen in der Orchester- und Theaterlandschaft?

Natürlich ist es wichtig, dass Orchester und Konzertsäle ihre Häuser und ihre Tourneen klimaneutral gestalten. Aber ich sehe das größte Potential in der Kraft der Inspiration – sei es, dass wir das Publikum inspirieren, den Gastdirigenten, Solisten oder die Musiker, die im Orchester spielen. Denn gerade die Kultur vermag es, unseren Geist zu öffnen und uns die Dinge anders sehen zu lassen. Da sehe ich die größte Stärke. Die Kunst kommt von der Natur und von der Stille und von so vielen Dingen, die wir derzeit in unserer Gesellschaft vermissen. Und sie hat auch die Kraft, Menschen zusammenzubringen und ein gemeinsames Momentum zu erzeugen.

 

6. An welchen Punkten stößt Du an Grenzen in der Nachhaltigkeit und wie löst du diese Herausforderung?

Ein herausfordernder Aspekt ist, die Menschen anzusprechen und dazu zu motivieren sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es ist schwierig, Leute einzubeziehen, die noch nicht an der Diskussion beteiligt sind. Manche denken sich einfach nur „was hat das mit mir zu tun?“. Und in Gesprächen höre ich immer wieder heraus, dass Klimaschutz in Deutschland ein politisches Thema ist. Viele Gespräche über Nachhaltigkeit bauen auf die politische Verantwortung. Das hat mich sehr überrascht, denn für mich geht es über Politik hinaus. Es geht um unsere Natur und Umwelt jenseits politischer Strukturen. Eine weitere Herausforderung ist unser Zeitmangel in unseren Jobs. Wir sind zu beschäftigt. Selbst Menschen, die schon überzeugt sind und sich engagieren möchten, finden teilweise keine Zeit, um sich zu engagieren, mich eingeschlossen. Ich habe einen Full-Time-Job als Orchestermanager und es ist für mich eine große Herausforderung, nebenbei noch Zeit für die Umwelt und die Nachhaltigkeit zu finden. Ich hoffe, dass demnächst mehr Geld zur Verfügung stehen und es bald erste Stellen für Nachhaltigkeitsmanager in Orchestern geben wird. Zurzeit sind es eher engagierte Mitarbeiter, Orchestermitglieder oder Orchestermanager, die so sehr für die Sache brennen, dass sie es zu einem Teil ihrer Arbeit machen. Es muss einen Strukturwandel geben.

 

7. Inspiriere uns – wie gestaltest du dein Arbeits- und dein Privatleben umweltschonend?

Ich versuche, meine Ernährung saisonal und vegetarisch zu gestalten und auch weniger Milchprodukte zu essen. Generell strebe ich an, gute und dafür weniger Produkte zu kaufen. Ich schenke dem Regionalen viel Aufmerksamkeit. Ich versuche die lokalen Geschäfte hier vor Ort in der Schweiz zu unterstützen, von denen ich das Gefühl habe, dass sie das Produkt auf gute Weise produzieren. Ich versuche außerdem so viel wie möglich mit dem Zug zu reisen. Auch in meine Heimatstadt London fahre ich in der Regel mit dem Zug.  Generell versuche ich, einfach weniger zu reisen, was während der COVID-Krise natürlich leicht fiel.

Wichtig ist mir ebenfalls, dass nachhaltiges Verhalten nicht bedeutet, Dinge aus dem Leben auszuschließen und nur noch Verzicht zu üben. Vielmehr geht es mir darum, die richtige Balance zu finden zwischen Dingen, die Spaß machen und diese so zu planen, dass sie Sinn ergeben. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich durchaus zur Familie meiner Lebensgefährtin nach Kolumbien fliege, aber eben nicht alle zwei Wochen, sondern für mehrere Monate, die wir dort verbringen. 

Bei mir zu Hause versuche ich nichts Neues zu kaufen. Unsere gesamte Einrichtung besteht aus Second-Hand-Möbeln oder aus geliehen Dingen, vor allem in der Küche.

 

8. Was treibt Dich an?

Ich finde meine Inspiration, wenn ich die wundervolle Natur mit all ihren Farben sehe und ihrer Vielfalt. Ein Feld voller Wildblumen und voller Insekten – was gibt es Schöneres? Mich treibt es an, nach einem vollen Arbeitstag einen grünen Wald mit all seinen Tieren und den verschiedenen Bäumen zu sehen, die miteinander kommunizieren. Ich versuche immer, mich von dieser Art des Positiven inspirieren zu lassen und nicht von der Zerstörung, die ich sehe. Wenn ich das Gefühl habe, den Planeten retten zu müssen, werde ich vermutlich ungeduldig mit den Menschen oder ungeduldig mit mir selbst, das ist für mich nicht der richtige Blickwinkel.

 

9. Von welcher Positiv-Schlagzeile aus der Orchester- und Theaterlandschaft zum Thema Umweltschutz träumst Du?

Toll wäre es, wenn wir eines Tages in der Zeitung lesen würden, dass einer der großen Player, zum Beispiel die Berliner Philharmoniker sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, insbesondere in Bezug auf ihre Reisetätigkeit. Dass sie zum Beispiel ihre Tourneen klimafreundlich und sozial gestalten. Dazu würde dann gehören, dass sie längere Konzertaufenthalte einplanen und zum Beispiel für eine ganze Woche vor Ort sind, vier Konzerte spielen und Menschen aus der Region treffen. Anstelle der jetzigen Routine „Hotel, Generalprobe, Konzert spielen, Restaurant, Flugzeug“ träte dann etwas viel Substantielleres und Sinnvolleres. Das würde mich sehr freuen. 

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