Florian Hoheisel

„Wir haben nur diese eine Erde und dieses eine Leben, also sollten wir sorgsam damit umgehen. Und wir haben eine Verantwortung unseren Kindern gegenüber.“

Steckbrief

Aktueller Beruf / Position:
Cellist, Essener Philharmoniker
Kurzbiografie:
Florian Hoheisel, geb. 1974 in Konstanz, ist seit 2001 Vorspieler der Celli bei den Essener Philharmonikern. Er studierte in Köln und Hannover bei A. Fromm und Prof. Klaus Heitz, besuchte Meisterkurse bei F.J. Sellheim, K. Heitz, F. Helmerson, Y.-C. Choo und anderen. Seine Tätigkeit führte ihn zu vielen namhaften Orchestern (u.a. WDR-Sinfonieorchester, Gürzenich-Orchester Köln, HR-Sinfonieorchester Frankfurt, Bamberger Sinfoniker, NDR Sinfonieorchester, Orchester der KlangVerwaltung), wo er mit Dirigenten wie G. Wand, H. Blomstedt, J. Conlon, C. Thielemann, V. Gergiev, E. zu Guttenberg arbeiten konnte. Seit 2019 ist er außerdem Mitglied im Bayreuther Festspielorchester.

Interview

1. Hat Nachhaltigkeit in Deinem Leben schon immer eine Rolle gespielt oder gab es den berühmten Change?

Bis vor ca. 10 Jahren spielte Nachhaltigkeit, Umwelt- oder Klimaschutz eine eher untergeordnete Rolle in meinem Leben. Das änderte sich jedoch grundlegend mit einer Südafrikareise im Jahre 2012, die mir zum ersten Mal in aller Deutlichkeit vor Augen führte, wie kostbar, zerbrechlich und gefährdet unsere Welt ist. Vier Jahre später führte der erschreckende, unauslöschliche Eindruck, den die sterbende Gletscherlandschaft der Alpen während einer Überquerung 2016 bei mir hinterlassen hat (die Berge wirkten wie ein nasser Schwamm, den man auswringt), zu meinem Entschluss, mich aktiv für Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu engagieren.

 

2. Wie war Deine erste Begegnung mit Orchester des Wandels?

In meinem Orchester, den Essener Philharmonikern, gab es vor ca. zwei Jahren eine erste Initiative, um das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit in unserem Hause stärker zu thematisieren. In diesem Zuge wurde ich zum “Klimabeauftragten” gewählt, was dazu führte, dass Jan Bauer vom Staatsorchester Braunschweig mit mir Kontakt aufnahm und mir von dem neu zu gründenden Verein “Orchester des Wandels” berichtete. Mit seiner Idee, doch Mitglied zu werden, rannte er bei mir offene Türen ein.

 

3. Wie seid Ihr als Team in Sachen Nachhaltigkeit in Eurem Orchester, eurem Haus strukturiert?

Wir befinden uns jetzt noch in der Aufbauphase, aber es hat sich mittlerweile ein Kreis von fünf Orchestermitgliedern gefunden, der sich des Themas annimmt. Dazu sind wir in der glücklichen Lage, dass wir von der Leitungsebene der Theater und Philharmonie Essen GmbH aktiv unterstützt werden, so dass in näherer wie weiterer Zukunft viel Gestaltungspotential möglich scheint.

 

4. Welche Aktivitäten plant Ihr mit Eurem Orchester in der nächsten Zeit?

Neben Konzerten, Müllsammel- oder Pflanzaktionen wird ein großes Thema für uns die Planung und der Bau eines neuen Probenzentrums sein, für das wir uns mit Nachdruck für ein klimafreundliches, nachhaltiges Konzept einsetzen werden. Des Weiteren werden wir mit den benachbarten Orchestern der Region sicherlich einen regen Austausch und Kontakt pflegen, um auch städteübergreifend auf unser Anliegen aufmerksam zu machen. Leider macht die momentane Corona-Pandemie viele Dinge unmöglich, wir warten auf bessere Zeiten!!

 

5. Wo siehst Du das größte Potential für Klimaschutz-Maßnahmen in der Orchester- und Theaterlandschaft?

Ich glaube, dass es eine ungeheure Vielzahl an Möglichkeiten und Maßnahmen gibt, die wir in der gesamten Kultur- und Theaterlandschaft umsetzen und anwenden können. Dieser Katalog müsste beispielsweise beinhalten, dass Gäste, Solist*innen und Dirigent*innen vertraglich verpflichtet werden sollten, mit Bus und Bahn anzureisen. Bei eigenen Gastspielen und Tourneen sollte das Gleiche gelten. In der Verwaltung sehe ich große Möglichkeiten, Ressourcen und Strom zu sparen, z.B. durch eine konsequente Eindämmung der Papierflut bei interner Kommunikation (Verdienstbescheinigungen, Übestimmen etc.) durch Einrichtung eines Intranets, dem konsequenten Ausschalten von Geräten bei Nichtbenutzung und so weiter. Der Arbeitsweg soll so gefördert werden, dass der eigene PKW für den täglichen Weg nicht mehr nötig ist, ein Stichwort wäre beispielsweise die Möglichkeit eines Dienstfahrrades. Eine aktive Co2-Kompensation wäre möglich durch Bepflanzung und Pflege einer öffentlichen Fläche. Städteübergreifende Kooperationen mit anderen Häusern und Orchestern halte ich in diesen Zusammenhängen ebenfalls für möglich.

Im theatralen Bereich ist es sicherlich sinnvoll, Bühnenbilder und Kostüme noch konsequenter als bisher wiederzuverwenden und neuen Produktionen anzupassen, anstatt jedes Mal neu zu bauen.

 

6. An welchen Punkten stößt Du, stößt Dein Orchester oder Theater an Grenzen in der Nachhaltigkeit und wie löst Ihr diese Herausforderung?

Man kann es drehen und wenden wie man will, gerade die Musiktheater sind allein schon durch die Bühnenmaschinen und die aufwendige Technik echte Stromfresser. Daher sollten alle Beteiligten, auch und gerade Regisseur*innen, Intendant*innen, Bühnenbildner*innen etc. entsprechend denken und handeln und im Rahmen der Möglichkeiten sparsam mit den Ressourcen umgehen. Planungen im Spielplan können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, indem beispielsweise Gäste eher en bloc engagiert werden, um unnötige Reisen zu vermeiden etc.

 

7. Wie hat sich das Nachdenken über Klimaschutz an Eurem Orchester/Eurem Haus verändert?

In den vergangenen Jahren hat das Thema Klimaschutz deutlich an Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt durch einen Generationswechsel innerhalb des Orchesters. Ich glaube, dass individuelle Erfahrungen und Engagements dazu beigetragen haben (und verstärkt dazu beitragen werden), die Notwendigkeit eines Umdenkens und entsprechenden Handelns nicht nur im persönlichen, privaten Bereich zu belassen, sondern dieses auch im beruflichen und öffentlichen Umfeld einzufordern und umzusetzen.

 

8. Was möchtest Du jungen Menschen in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz mit auf den Weg geben?

Es ist so einfach und bedarf keiner aufwändigen Mittel, um sofort zu beginnen! Wir haben es im wahrsten Sinne des Wortes selbst in der Hand, wichtig ist, den ersten Schritt zu gehen!

 

9. Inspiriere uns - wie gestaltest Du Dein Arbeits- und Privatleben umweltschonend?

Ich lege meinen Arbeitsweg (14 km one way) vor allem mit dem Fahrrad zurück, habe für die kalten oder faulen Tage ein Jobticket für Bus und Bahn. Wir als 4-köpfige Familie versuchen, wo wir können, Strom zu sparen, den wir von einem „grünen” Anbieter beziehen. Immerhin haben wir letztes Jahr weniger verbraucht als eine durchschnittliche 3-köpfige Familie!

Wir versuchen immer stärker, regional und “BIO” einzukaufen. Nächstes großes Ziel: Den Verpackungsmüll weiter zu reduzieren und den lokalen Unverpackt-Laden besser zu nutzen.

Wir versuchen, so wenig wie möglich zu heizen und die Heizungen wie auch das Licht konsequent in den nicht genutzten Räumen auszuschalten. Wir tragen unsere Kleidung weitgehend bis zum Verschleiß und versuchen, Dinge zu reparieren anstatt sie sofort wegzuwerfen und neu zu kaufen. Die Kleidung unserer Kinder stammt zum allergrößten Teil aus der Zweitverwertung der älteren Kinder von Freunden und Verwandten.

 

10. Was treibt Dich an?

Die unmittelbare Notwendigkeit der Bewahrung der Schöpfung. Wir sind weder die Krone noch die Herren, sondern nur Gäste in diesem Wunder, das wir Leben nennen.

 

11. Von welcher Positiv-Schlagzeile aus der Orchester-und Theaterlandschaft zum Thema Umweltschutz träumst Du?

Dass wir Vorreiter und Vordenker in Sachen Klima-und Umweltschutz auch für andere Branchen sein können und andere inspirieren!

nach oben