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Patricia Kopatchinskaja (Foto: Julia Wessely)

8. Klimakonzert: DIES IRAE

am Freitag, 31. Mai 2019 um 21 Uhr
im ewerk, Wilhelmstraße 43, 10117 Berlin

Orchester des Wandels (Musiker der Staatsoper Berlin)
Patricia Kopatchinskaja, künstlerische Leitung
Günther Albers, Dirigent
Christoph Grund, 
Klavier
Lani Tran-Duc, Inszenierung
Lillevan / Jonas Link, Video

Erlös zugunsten unseres Renaturierungsprojekts "New Life on Lower Prut River"
Ein besonderes Konzert an einem besonderen Ort. Erster Auftritt eines großen Orchesters im ehemaligen Techno-Tempel 

Programm:

Giacinto Scelsi (1905-1988)

Okanagon für Harfe, Kontrabass und Tamtam (1968)

im Wechsel:
Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704): Battalia für Streicher und Basso continuo (1673)
George Crumb (*1929): Ausgewählte Sätze aus Black Angels. Thirteen Images from the Dark Land (Images I) für Streichquartett (1970)

Sonata. Allegro | Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor | Presto (Biber)

Sounds of Bones and Flutes (Crumb)
Der Mars | Presto (Biber)
Danse Macabre (Crumb)
Aria. Andante (Biber)
Devil-music (Crumb)
Die Schlacht. Allegro (Biber)
God-music (Crumb)
Adagio. Lamento der Verwundten Musquetirer (Biber)
Threnody II: Black Angels! (Crumb)

Michael Hersch (*1971): Violin Concerto (2015/17), revidierte Fassung des ersten Satzes mit neuer Kadenz 

Antonio Lotti (um 1667-1740): Crucifixus in d-Moll für zehn Stimmen

Byzantinischer Gesang zu Psalm 140, arrangiert von Patricia Kopatchinskaja für Violine solo

John Dowland: Lacrimae Antiquae (1604)

Galina Ustwolskaja (1919-2006): Komposition Nr.2 Dies irae (1972/73) Für acht Kontrabässe, Schlagzeug und Klavier

Dies irae (gregorianischer Hymnus)

<Keine Pause>

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All dies tut weh

Patricia Kopatchinskaja über Dies Irae

Die Kunst ist immer ein Kind ihrer Zeit. Bach und Bruckner schrieben aus Gottgewissheit. Haydn schuf eine Gegenwelt zum Chaos und Unglück der Welt. Beethoven komponierte in der Hoffnung auf das neue Zeitalter der Weltverbrüderung. Aber was ist mit uns? Was hat die Kunst allenfalls zu unserer Zeit zu sagen?

Unsere Zeit steht vor der nie gekonnten Bedrohung der globalen Erwärmung. Viele – und viele Mächtige – wollen sie nicht wahrhaben. Aber unsere besten Wissenschaftler sagen, dass die Erwärmung ohne Gegenmaßnahmen zur Selbstverbrennung des Planeten führen wird. Und die bisherigen Gegenmaßnahmen sind halbherzig und ungenügend. Die jetzt schon zu beobachtenden Dürren, Hungersnöte, Staatszusammenbrüche und Massenmigrationen sind nur ein schwaches Vorspiel dessen, was in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten ist: Halbe Erdteile und ganz Südeuropa sind bedroht, Hungersnöte, Staatszerfall und Ressourcenkriege werden sich weiter ausbreiten, Hunderte von Millionen werden sich auf die Wanderschaft machen, ein Ende der Zivilisation und vielleicht der Welt, wie wir sie kannten…

Wie kann ein Musiker seine Betroffenheit darüber ausdrücken?

Seit dem Mittelalter war das Dies irae der musikalische Ausdruck der Endzeit, von jenem „Zorn Gottes“, der sich im Jüngsten Gericht entlädt. Eine zeitgemäße Fassung des Dies irae hat Galina Ustwolskaja 1972/73 noch in der alten Sowjetunion komponiert: Das Klavier schlägt brutale, dissonante Cluster, acht Kontrabassisten wiederholen erstickende Phrasen – sie sehen aus wie Totenvögel. Im Zentrum steht die von Ustwolskaja erfundene und mit einem Hammer zu traktierende Holzkiste. Diese ausweglose und verzweifelte Schicksalsmusik ist das Kernstück und der Höhepunkt des Programms.

Es beginnt mit Giacinto Scelsis Okanagon: Monotone, dürre Klänge werden zuweilen von Tamtam-Rhythmen unterbrochen, die jedoch ermüden und wieder absterben - die Dürre Afrikas duldet keine Menschen mehr. Hören Sie den Herzschlag der Erde? Ist da noch was? Das sind Ihre Schritte auf der Erde – Jorge Sánchez-Chiong hat sie zu Soldatenschritten verarbeitet.

Auf dem Weg zu diesem Jüngsten Gericht kommt es zu Kriegen, im Programm versinnbildlicht mit Heinrich Ignaz Franz Bibers barockem Schlachtengemälde Battalia. Zwischen die Sätze sind zwei Werke eingeschoben, die als Reaktion auf den Vietnamkrieg entstanden: George Crumbs Streichquartett Black Angels und, als Video, Jimi Hendrix‘ Gitarrenimprovisation über The Star-Spangled Banner.

All dies tut weh. Der erste Satz des Violinkonzerts von Michael Hersch ist eine offene Wunde, es gibt nichts zu beschönigen. Antonio Lottis Crucifixus steht für den Leidensweg, auf dem Erlösung von den Menschen nicht mehr erwartet werden kann. Die Improvisation über den 140.Psalm ruft Gott als letzte Zuflucht an. Zum Höhepunkt, Ustwolskajas Dies irae, führt Scelsis Anagamin für dreizehn Instrumente: ein banges, ungewisses Warten zu unheimlichen, verfälschten, sich kaum verändernden Tönen. Abschliessend der Gregorianische Choral, wie er seit dem ausgehenden Mittelalter gesungen wurde. 

Wie lange haben wir noch?